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    wissen,
    dass der Hauptzweck des Lebens darin besteht,
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    Samuel Butler

Depression — Ursachen und Hilfe

Aktualisiert (09. Januar 2012) Geschrieben von: C. M. Hürten 06. November 2009

Depression wird wegen der ständigen Zunahme an Erkrankungen oft als „Volkskrankheit Nr. 1” bezeichnet. Die Doppelbödigkeit dieser Bezeichnung lässt sich erahnen, wenn man weiß, dass eine starke wirtschaftliche Abwärtsbewegung als Depression bezeichnet wird. Depression sollte daher unbedingt auch unter sozialpsychologischen und gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten gesehen werden. Denn wie können wir alle gesund bleiben, wenn unser Gesellschaftssystem nicht den Menschen und die Erfüllung seiner echten Bedürfnisse sondern den Profit in den Mittelpunkt stellt und daher als Folgeerscheinung psychisches Leid und psychische Störungen der Menschen in Kauf nimmt? Über 20% aller Arbeitnehmer leiden an ernsten psychischen Problemen! — Wie können wir in diesem System leben und dennoch gesund bleiben? (Diese Frage beantworte ich in meinem Kurs »Schutz vor Überlastung, BurnOut und Depression«)

Von Depression Betroffene wissen oft nicht, dass sie depressiv sind und selbst wenn, sind sie sich selten klar darüber, wie ernst dies zu nehmen ist und dass sie sich dringend in Behandlung begeben sollten. Das Beschwerdebild kann so unklar sein, dass ein Hausarzt in der üblichen knappen Behandlungszeit die Depression oft nicht erkennt und dann (vergeblich) versucht, die vielfältigen körperlichen Begleiterscheinungen der Depression zu behandeln.

Der Betroffene ahnt vielleicht, dass er ein psychisches Problem hat. Aber er gibt es häufig nicht zu, denn psychische Probleme sind in unserer neoliberalen, in Leistungsfähigkeit und Leistung überbetonten Gesellschaft tabu. (Bitte klicken Sie auf die Überschriften, um den zugehörigen Textabschnitt zu lesen!)

1.) Gesellschaftliche Tabuisierung von psychischen Problemen

Unsere heutige Kultur und Gesellschaft ist geprägt von rationalem, kontrollierten Verhalten, von der Überbetonung von Arbeits- und Leistungsfähigkeit. Ein psychisches Problem wird oft in Verbindung gebracht mit der Befürchtung des Verlust von Kontrolle über sich selbst und über die eigenen Belange (Autonomie-Verlust) sowie mit der Befürchtung einer Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben. Zu der Angst aufgrund der Befürchtungen gesellt sich die Scham, unzulänglich und weniger wert zu sein, als andere Menschen. Beides fördert eine depressiv-negative Denkweise, schädigt den Selbstwert und treibt die Betroffenen immer schneller und tiefer in die Depression hinein.
Auch die Verwandten, Freunde und Bekannten des Betroffenen unterliegen oft diesen Vorurteilen. Sie schämen sich dafür, dass ein ihnen nahe stehender Mensch ein psychisches Problem hat, weil sie damit selber „in die Nähe” solcher Probleme gebracht werden könnten. Gerade so wurde in alten Zeiten mit „Aussätzigen” umgegangen. Entweder man verschweigt das Thema oder man nimmt offiziell und räumlichen Abstand zum Betroffenen ein — wodurch dieser noch einsamer wird. Und auch der Betroffene schämt sich und will vermeiden, dass seine Schwäche und Unzulänglichkeit nach außen sichtbar wird und geht in den Rückzug und die Isolation. Und dann treibt auch der Schmerz der Isolation den Betroffenen noch schneller und immer tiefer in die Depression.

Diese katastrophalen Mechanismen und Zusammenhänge treffen allerdings auf jede „psychische Erkrankung” zu.

2.) Klärende Worte zu den dubiosen Begriffen „Seelische / Psychische Erkrankungen”

Als ich meine Tätigkeit als Psychologischer Berater in Rottweil begann, riet man mir, das Wort „Psyche” und „psychologisch” am besten nicht zu benutzen, weil es die Menschen abschrecken würde! Dies zeigt, welche Auswüchse die Tabuisierung annimmt und wie diese Tabuisierung auf der Grundlage ungesunden Halbwissens gedeihen kann. Daher sind einige klärende Worte angebracht:

Was ist Seele, was ist Psyche und was ist eine psychische Erkrankung?

  1. Ich vermeide den Begriff »Seele«, weil ich meine, dass dieser in den Bereich der Religion oder Esoterik gehört. Der Begriff Psyche ist klar beschreibbar und meint, „die Ausformungen der eigenen Lebendigkeit und Lebhaftigkeit, die durch das Zusammenwirken von Gefühlen, Denken und Handeln zustande entsteht”. Und schon ist der Begriff gar nicht mehr irgendwie unheimlich, sondern etwas ganz Natürliches, Schönes, das uns Menschen von den Tieren unterscheidbar macht.

  2. Ich vermeide ebenfalls den Begriff »Psychische Erkrankung«, denn dann müsste ich genau so gut in der Lage sein, klar und eindeutig zu beschreiben, was »Gesundheit« ist. Oft wird der Begriff Krankheit für alles verwendet, was vom „normalen Zustand” abweicht. Und was als „normal” anzusehen ist, bestimmt die Gesellschaft, in der wir leben. Bei den meisten Funktionen des Körpers und seiner Organe ist es ja noch möglich, einen Zustand als „normal” zu bewerten. Aber wer kann diese klare Unterscheidung zwischen „normal” und „abnormal” vornehmen für „die Ausformungen der eigenen Lebendigkeit und Lebhaftigkeit”???
    Hier geht es doch eher um die Frage, wie viel Abweichung der „Ausformungen der eigenen Lebendigkeit und Lebhaftigkeit” vom Durchschnitt der Menschen in einer Gesellschaft ist diese Gesellschaft bereit, zu dulden? Und ab wann ist das Maß erfüllt, ab dem die Gesellschaft Menschen wegen der Stärke ihrer Abweichung von der Norm per Zwangseinweisung in die Psychiatrie abschiebt?

    Ich jedenfalls maße mir nicht an, einen Menschen wegen psychischer Besonderheiten als „krank” zu bezeichnen! Eine ungewöhnliche „Ausformung der eigenen Lebendigkeit und Lebhaftigkeit” kann nicht krank sein, es sei denn sie ist selbstzerstörerisch oder zerstört andere!

  3. Jetzt könnten Sie zu Recht einwenden: „Wenn aber niemand wirklich psychisch krank sein kann, braucht man ja auch niemanden zu behandeln, zu therapieren!” Hier bringe ich den Begriff „Leiden” in die Diskussion. Wenn jemand eine „Ausformung der eigenen Lebendigkeit und Lebhaftigkeit” hat, unter der er leidet und diese Ausformung und das damit verbundene Leiden nicht mit eigenen Kräften beenden kann obwohl er sich dies wünscht, dann benötigt er Hilfe dabei. Und das kann durch Beratung oder durch eine Therapie (=Heilbehandlung / ein Leiden heilen) geschehen.
    Zugleich habe ich damit die von mir verwendete Begrifflichkeit beschrieben: Statt des dubiosen Begriffs „Psychische Krankheit” verwende ich den Begriff „Psychisches Leiden” oder Psychisches Problem” und spreche von „Betroffenen”. Gerade Menschen mit starkem Leiden, die meist auch Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht haben, sehen diese Dinge genau so, wie ich. Sie haben schon in den 70er Jahren beginnend, eine Anti-Psychiatrie-Bewegung aufgebaut, weil sie mit den vorherrschenden Ansichten über Krankheit und Psyche aufgrund eigenen Erlebens von psychischem Leid und den oft als unangemessen oder unmenschlich empfundenen „Behandlungsmethoden” nicht einverstanden sind.

Gemäß der vorstehenden Erläuterungen verwende ich die Begriffe „Psychisches Problem” (=Symptom) und „Psychisches Leiden”.

3.) Was ist eigentlich ein „Psychisches Leiden”?

Grundsätzlich kann man drei Arten unterscheiden:

  1. Körperlich und organisch bedingte, psychische Probleme wie z.B. bei der demenziellen Erkrankung, bei Hirnverletzungen, bei Störungen des endokrinen Systems (z.B. Schilddrüsen-Über-/Unterfunktion, hormonelle Umstellung bei der Menopause oder nach einer Entbindung, usw.) oder des Neurotransmitter-Systems =Botenstoffe (wie z.B. bei Parkinson / Dopamin). Diese Art des Leidens ist Folge einer krankhaften Veränderung in der körperlichen Funktionalität und gehört daher zum Tätigkeitsfeld eines Psychiaters und Neurologen. Denn ein Psychiater sieht psychische Probleme als überwiegend durch körperliche Ursachen bedingt an und in den genannten Beispielen liegt wirklich und nachprüfbar eine körperliche Ursache vor.
    Leider neigen Psychiater oft dazu, nahezu alle psychischen Probleme auf körperliche Ursachen zu reduzieren. Auf dieser Grundlage kann die Pharma-Industrie mit ihren Psychopharmaka Billiarden-Umsätze weltweit erwirtschaften. Und wo derart viel Profit im Spiel ist, ist die Korruption nicht weit.

  2. Durch schädliche Erwartungshaltungen, Denkmuster und Verhaltensweisen entstehen oft Schwierigkeiten des Menschen mit sich selbst (= Selbstbild) z.B. durch mangelnden Selbstwert, sowie Schwierigkeiten des Menschen im Miteinander mit anderen. Der Betroffene leidet darunter und erfindet Bewältigungsstrategien (wie z.B. Depression, Süchte, Ängste, Zwänge), die ihm helfen sollen, das Leid zu vermindern. Statt ihm zu nützen, vergrößern die Bewältigungsstrategien das Leid und dadurch entstehen zusätzliche psychische Probleme. Denn die Bewältigungsstrategie ist ja zugleich die Vermeidung einer echten Problemlösung!

  3. Mischformen aus 1.) und 2.)
    wie z.B. eine Depression, die sich z.B. bei der Parkinsonkrankheit aus dem Dopaminmangel oder z.B. aus der hormonellen Umstellung aufgrund körperlicher Erkrankungen ergibt, oder z.B. der Schizophrenie, bei der oft eine genetisch bedingte, erhöhte Empfindsamkeit in Zusammenwirken mit einer psychischen Überbeanspruchung die Erkrankung auslöst.
    Zudem können psychische Probleme derart stark werden, dass sie sich auch durch körperliche Störungen zeigen. Bei Depressionen kommt es auffällig häufig zugleich auch zu Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfällen, Durchfall, Verstopfung, Schwindel, Schwitzen usw.

Bei allen psychischen Problemen nach Punkt 2 und vielen Problemen nach Punkt 3 sind die auftretenden Symptome (=Erscheinungsformen) Ausdruck von misslungenen Versuchen der Betroffenen, Schwierigkeiten und Belastungen im Leben zu bewältigen. Es handelt sich — auch oft bei Schizophrenie — um verzweifelte Bewältigungsversuche der Betroffenen, weil sie keine funktionierenden Bewältigungsstrategien kennen bzw. erlernt hatten.
Jedes Mal, wenn die Betroffenen erleben, dass sie trotz all ihres Engagement keinen Erfolg mit ihren Bewältigungsversuchen haben, erleiden sie eine Verletzung, eine Kränkung. Es kränkt sie, dass sie ihr Problem nicht (alleine) lösen können und fühlen sich ohnmächtig und als Versager. Die Summe aller Kränkungen macht am Ende krank: mutlos, hoffnungslos, schwach, kraftlos, depressiv.

Auch hier wird wieder deutlich, wie falsch der Begriff „Psychische Krankheit” ist! Wie kann man einem Menschen eine Krankheit zuschreiben, bloß weil dieser Mensch nicht gelernt hat, bestimmte Belastungen und Schwierigkeiten in seinem Leben selbstständig und ohne unangemessen starkes Leid zu bewältigen? Dieser Mensch benötigt Hilfe, um die (meist in Kindheit und Jugend erlernten) nicht funktionierenden Bewältigungsstrategien aufzugeben und neue, funktionierende Bewältigungsmuster zu erlernen. Genau das leistet Psychotherapie — Psycho = Lebendigkeit …und Therapie = Heilung / Heilbehandlung. Der Patient wird im Bereich „Ausdrucksform seiner Lebendigkeit”, in seiner Psyche ganz und heil…

  • weil er erlernt, seine eigenen Gefühle und die der anderen bewusst wahrzunehmen und
  • weil er die erlittenen Kränkungen neu und konstruktiv verarbeiten lernt und
  • weil er sich mit sich selbst versöhnen kann und
  • weil er informiert wird über die Wirkungsmechanismen in seiner Psyche und
  • weil er die nicht funktionierenden Bewältigungsmuster ablegen lernt und funktionierende Muster, die wirklich zu ihm passen, neu entdeckt und erlernt.

Aus dem Verständnis dieser Zusammenhänge heraus sehe ich eine Depression eher als ein Symptom an. Depression steht fast immer für eine tiefer liegende, ungelöste und vor allem ursächliche  Problematik. Solange diese tiefer liegende, ursächliche Problematik nicht psychotherapeutisch bearbeitet und aufgelöst worden ist, solange wird die Depression mit großer Wahrscheinlichkeit immer wieder auftreten.
Aus genau diesem Grund lehne ich den Einsatz von Antidepressiva ab (schwerste Depressionsformen ausgenommen). Denn man kann damit lange Jahre die tiefer liegende Problematik massiv zudecken und sich in die Tasche lügen, die Depression sei nun geheilt und der Mensch „funktioniert” wieder. Allein die Tatsache, dass viele Patienten die Antidepressiva über viele Jahre hinweg, manchmal sogar jahrzehntelang verordnet bekommen und dennoch „Rückfälle” bekommen, deutet darauf hin, dass diese Ansicht richtig ist: Die Ursache ist einfach nicht beseitigt! Antidepressiva wirken nicht ursächlich, täuschen diese Wirkung aber vor. Sie wirken allesamt gefühlsdämpfend und verhindern damit den lebenswichtigen Zugang zu den Gefühlen, der in der Psychotherapie dringend benötigt wird. Sie stören oder verhindern sogar eine erfolgreiche Psychotherapie. Zusätzlich können erhebliche Nebenwirkungen auftreten (z.B. Gewichtszunahme, Potenz- und Libido-Störungen, Störungen im Blutbild und der Herzaktivität / EKG usw.), deren Tragweite oft noch gar nicht erforscht ist.
Zudem sind sich kritische, nicht der Pharma-Industrie hörige Psychiater und Psychotherapeuten längst darüber einig: Nur etwa 20% aller Menschen verspüren eine antidepressive Nutzwirkung der Medikamente, die aber bestenfalls eben nur eine Dämpfung des Gefühlslebens bewirkt. Bei allen anderen Menschen würde ein Placebo die gleiche Wirkung erzielen. Siehe hierzu auch die Studie des IQWIG, nach der ausgerechnet die angeblich so modernen Mittel Venlafaxin, Duloxetin, Bupropion und Mirtazapin nicht besser abschnitten, als Placebos! Placebos hätten allerdings den Vorteil keine Nebenwirkungen zu erzeugen und wären nahezu kostenlos! Dennoch wird die Zulassung dieser Pillen nicht entzogen. Es wird weiter verordnet, als sei nichts geschehen!

Die Depression ist eine mächtige Sprache der Seele. Sie schreit geradezu danach, doch bitte endlich die tiefer liegende, ursächliche  Problematik therapeutisch zu bearbeiten und aufzulösen — und nicht danach, diesen Schrei (diese Gefühle) auch noch zu unterdrücken durch Psychopharmaka!

4.) Depression — was ist das eigentlich? Wie fühlt sich das an?

Es gibt eine Vielfalt von Erscheinungen, wie sich Depression anfühlt. Einige typische Beispiele:

  • Menschen, Dinge, die Zukunftsaussichten, die eigene Situation, menschliche Beziehungen… alles wird negativ bewertet, abgewertet und entwertet.
  • Die Leistungsfähigkeit sinkt. Konzentrationsmangel, z.B. wegen Schlafproblemen aber auch wegen andauernder Grübelei und wegen des empfundenen Dauerstress, schließlich sogar Entscheidungsschwierigkeiten selbst in Kleinigkeiten des Alltagsgeschehens machen dem Betroffenen Angst, er könne demenziell erkrankt sein. (Ursache sind die Wirkung der körpereigenen Stresshormone) Er beginnt, sich für seine Ausfall-Erscheinungen zu schämen. Und Scham ist das heftigste Gefühl, das den Selbstwert direkt angreift und so die depressive Entwicklung verstärkt.
  • Fast immer entsteht auch ein gewaltiger Hass, der sich zunächst auf „die anderen” richtet, denen man die Schuld am eigenen Unglück gibt, ein Hass auf all das, was man im Außen als negativ empfindet und ein Hass, der sich auch immer mehr gegen den Betroffenen selbst richtet, weil er sich für seine Schwäche, seine Unzulänglichkeiten selbst hasst und sich selbst dafür bestrafen will. Dieser Hass ist oft auch eine Antriebskraft für die Selbsttötung.
  • Die negativen Einschätzungen äußern sich in einer verallgemeinernden, abwertenden, pauschalisierenden und katastrophisierenden, oft auch zynischen Sprache: Es ist alles so aussichtslos. Es hat alles keinen Sinn mehr. Für mich geschieht nichts Gutes mehr. Nie wieder werde ich… Ich hatte niemals eine Chance. Typisch, dass mir das wieder passiert!
  • Der Depressive mag am liebsten gar nichts mehr tun, denn bei jedem Tun glaubt er er zugleich, sich mit seinen Fehlleistungen und seiner Problematik konfrontiert zu sehen, denn er nimmt selektiv nur das wahr, was nicht funktioniert, was schlecht ist usw.. Deshalb zieht er sich von allen Aktivitäten zurück, vernachlässigt seine Umgebung, seinen Haushalt und seine Körperpflege, bleibt immer längere Zeiten hindurch im Bett.
    Das Bestreben, nicht als „depressiv / krank” erkannt zu werden, fördert dieses passive, zurückgezogene Dasein zusätzlich.
  • Die Schwankungsbreite der Gefühle ist sehr eingeschränkt. Das Lustige, Erfreuliche, Angenehme im Leben wird ausgeblendet. Es besteht eine Fokussierung auf alles, was negativ, bedrückend, furchtbar, angsterregend, bedrohlich… ist. Verlustängste oder Verfolgungsängste können ebenfalls auftreten.
    Mit zunehmend tieferer Depression verschwinden sogar diese Gefühle und es entsteht ein nahezu gefühlloser Zustand, der sich wie tot anfühlt, wie bei einem Zombie. Es kann sogar die Farbwahrnehmung verschwinden und die ganze Welt wirkt wie ein Schwarzweiß-Bild.
  • Der von Depression Betroffene isoliert sich immer mehr. Teils geschieht dies, weil er sich schämt und nicht will, dass andere erkennen, wie schlecht es ihm geht. Er möchte die Fassade des „funktionierenden” Mitmenschen aufrecht erhalten, der über sich selbst und seine Angelegenheiten die Kontrolle und die Macht hat. Daher darf ihm niemand zu nahe kommen, denn sonst könnte ja jemand hinter die Fassade schauen. Die Gefühllosigkeit und die ständigen Abwertungen machen es für Partner besonders leicht, seinen von Depression betroffenen Partner zu verlassen. Bleibt der Partner jedoch, entsteht fast immer eine Co-Abhängigkeit, ähnlich wie bei Suchterkrankungen. (siehe auch Buchtipp für Angehörige hier)
    Teils entsteht die Isolation auch durch die „selbsterfüllenden Prophezeiungen”, die der Betroffene abgibt. Er sucht ja geradezu nach allen möglichen Indizien, die ihm seine negativen Einschätzungen bestätigen. Und dazu gehören auch die Spiele: Keiner mag mich, alle sind gegen mich, niemand will mit mir zu tun haben usw.. Da andere Menschen solche Einschätzungen unrealistisch finden und von der Negativität abgestoßen werden, ziehen sie sich von dem depressiven Menschen zurück. Und dieser sieht genau darin wieder seine negativen Erwartungen erfüllt.
  • Zahlreiche psychosomatische Beschwerden (Auswirkungen der Psyche auf den Körper, ohne dass eine rein körperliche Ursache der Beschwerden feststellbar ist), können durch die Depression entstehen wie z.B. Konzentrations-, Denk- und Gedächtnisstörungen, Schwindelgefühle, Blutdruckschwankungen, Angstzustände, Schlaflosigkeit, Übernervosität, Zittern, Magenbeschwerden, Blähungen, Reizdarm, Reizblase, Durchfalle, Verstopfung, Tinnitus, Hyperakusis und viele mehr. Deshalb wird sehr oft zunächst rein körperlich behandelt, ehe die Depression als Ursache erkannt wird. Typisch für diesen Zustand ist, dass kein Mittel und keine Behandlung gegen die psychosomatischen Beschwerden wirklich hilft.
    Die schon erwähnte Passivität, der Rückzug und die mangelnde Körperbewegung begünstigen Probleme im Verdauungstrakt, sowie im Herz-Kreislauf-System.
    Die psychosomatischen Beschwerden erhöhen den Leidensdruck beim Betroffenen und bestätigen ihn in der negativen Grundhaltung sich selbst gegenüber, er sei zu nichts mehr in der Lage, kann nichts mehr leisten und sei nichts mehr wert.
    Insbesondere die Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit, der Gedächtnisleistung, der Entschlusskraft und Entscheidungsfähigkeit (die Beeinträchtigungen werden durch Botenstoffe und Stresshormone verursacht), führen den Betroffenen immer tiefer in die Depression hinein, weil auch hier wieder der Selbstwert leidet. Die Abwärtsspirale in die Depression dreht sich immer schneller. Je tiefer man hinein gerät, desto weniger können sich die Betroffenen daraus selbst befreien und desto dringender ist professionelle therapeutische Hilfe erforderlich.

5.) Depression — was sind mögliche Ursachen?

Die Pharma-Industrie und viele Psychiater befürworten die Meinung, dass erbliche Faktoren die Entwicklung einer Depression begünstigen können und dass sie ausbricht, wenn es dem Körper nicht mehr gelingt, bestimmte Botenstoffe wie Serotonin, Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin und andere in einem natürlichen Gleichgewicht zu halten. Daher sei es geboten, durch Eingriff mit chemischen Mitteln das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Dagegen steht die Ansicht, dass jedes biologische Lebenssystem in sich meist sehr komplizierte geschlossene Regelsysteme trägt, die ein Gleichgewicht (=Homöostase) aufrecht erhält. Genau so funktioniert dies auch bei den Neurotransmittern und den Botenstoffen im menschlichen Gehirn. Unter bedrückenden Lebensumständen oder unter bedrückenden aber unrealistischen Vorstellungen von sich selbst und der Umgebung entsteht Leid und Stress. Der Körper reagiert mit einer Veränderung der Botenstoffe, weil sein Regelsystem funktioniert! Es schafft die günstigsten Bedingungen, die die Evolution hervorgebracht hat, um mit Stress = Bedrohung umgehen zu können. Die heutigen Lebensbedingungen haben sich jedoch derart schnell verändert, dass die evolutionäre Entwicklung des Menschen damit nicht Schritt halten konnte.

Die Evolution sieht bei Stress die Reaktion Kampf oder Flucht vor. In der heutigen Zeit kommt die Verhaltensweise „Erstarrung” hinzu und hierfür hat die Evolution noch nichts entwickelt. Also bleibt der Körper in andauerndem Stress-Zustand. Die Botenstoffe und die entstehenden Körperreaktionen sind evolutionär aber nicht dafür vorgesehen, über längere Zeit im Körper zu wirken und so entstehen Fehl-Regulierungen.
Die einfachste Möglichkeit, diese Fehlregulierung zu beheben, ist natürlich, den Stresszustand zu beheben, damit das Regelsystem wieder auf ganz natürliche Weise Tritt fassen kann. Deshalb ist oft ein 6 bis 8-wöchiger Aufenthalt in der beschützenden Atmosphäre einer Psychosomatischen Klinik die beste Möglichkeit, die Depression zu überwinden, zumal man dort hilfreiche Anregungen erhält, wie man künftig nicht mehr in Depression verfällt. Greift man jedoch mit Antidepressiva oder gar mit Neuroleptika in den gestörten Regelkreislauf ein, bestehen gute Chancen, das System gänzlich aus dem Tritt zu bringen! Und es ist fraglich, ob es sich jemals wieder erholen kann!
Aber leider ist der Klinikaufenthalt teuer, es gibt viel zu wenige Klinikplätze, die Wartezeiten sind unzumutbar lang und in manchen Kliniken stimmt nicht einmal die Behandlungsqualität! Zudem muss ein Psychotherapeut zusammen mit einem Arzt umfängliche Begründungen an die Krankenkasse schreiben, warum ein Klinikaufenthalt erforderlich ist und eine ambulante Behandlung nicht ausreicht. Bei all diesen Hindernissen und diesem Aufwand ist es leider verständlich, warum so häufig doch lieber Psychopharmaka verschrieben werden. Diese Verschreibungspraxis ist deutlicher Ausdruck des Bankrotts und der Korruptheit unseres Gesundheits-Systems!

Aus der Anti-Psychiatriebewegung und sogar von kritischen Psychotherapeuten wird geäußert, dass bei der Sichtweise vieler Psychiater schlichtweg Ursache und Wirkung verwechselt wird: Aufgrund einer tiefer liegenden Ursache (z.B. einer nicht funktionierenden Bewältigungsstrategie und der daraus dauernd erlebten Misserfolge und Kränkungen) entwickelt sich die Depression und ein damit einhergehender Dauerstress. Und erst in Folge des Dauer-Stresszustands entwickeln sich die Ungleichgewichte der Botenstoffe im ZNS (Zentralen Nervensystem). Jeder Versuch, durch Chemie korrigierend eingreifen zu wollen, bekämpft nicht die Ursache, sondern eine der vielen Folgen der Depression.
Zudem sind die gleichen Botenstoffe, deren Wirkung im Gehirn durch die Antidepressiva manipuliert werden sollen, auch in vielen weiteren Körperregionen und -Funktionen wirksam. Und natürlich wirken die Antidepressiva auch dort, obwohl sie es dort nicht sollten. Unerwünschte Nebenwirkungen müssen also zwangsläufig auftreten!

Der Dauer-Stresszustand und die damit verbundene Überschwemmung des ganzen Organismus mit einem körpereigenen „Drogen-Cocktail” führt zu den psychosomatischen Effekten, dass das klare Denken und die Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit sowie der Tag-/Nacht-Rhytmus und der Schlaf gestört sind und z.B. der Verdauungstrakt „zu spinnen” anfängt.

Wird die Depression durch Psychotherapie beseitigt, regeneriert sich der Körper und stellt aus eigener Kraft das natürliche Gleichgewicht der Botenstoffe wieder her. Dies gelingt um so besser, je kürzer die Depression andauerte. Ob die natürliche Selbstregulierungsfunktion des Körpers auch dann den Normalzustand wieder herstellen kann, wenn zuvor mit Psychopharmaka eingegriffen wurde, muss angezweifelt werden— zumal es darüber merkwürdiger Weise keine Untersuchungen gibt, obwohl Antidepressiva bereits seit 1957 auf dem Markt sind! Daher sieht ein beträchtlicher Teil der Therapeuten den Einsatz von Psychopharmaka sowohl während der Depression als auch während der Regeneration eher als schädlich an. Sogar die aktuelle Behandlungsleitline S3 zur Depression empfiehlt mittlerweile, Antidepressiva nur bei starker mittelschwerer und schwerer Depression einzusetzen und in allen anderen Fällen eher Psychotherapie anzuwenden!

Viele von Depression Betroffene klagen auch über psychosomatische Beschwerden. Wenn hier Schmerzmittel, die Verdauung beeinflussende Mittel oder Schlafmittel verordnet würden, wäre das genau so erfolglos! (Diese Verordnung ist leider trotzdem alltägliche Praxis und zuweilen entwickelt sich daraus zusätzlich zur Depression auch noch eine Medikamenten-Abhängigkeit und Suchtproblematik!)

Depression — ein Symptom für tiefer liegende Probleme

Depression ist nach meiner eigenen Erfahrung ein Symptom für eine darunter liegende, ursächliche Problematik. Ein grundsätzliches Problem ist z.B. die Nicht-Erfüllung von wichtigen menschlichen Bedürfnissen, z.B. nach Akzeptanz, Zuwendung, Anerkennung, Wertschätzung, Nähe, Liebe oder z.B. nach Geborgenheit, Sicherheit und Schutz usw. Dazu gehört das mangelnde Vermögen, Gefühle wahrzunehmen und so mit sich selbst verbunden zu sein. Ein psychisch gesunder Mensch wird für sich selbst und die Erfüllung seiner Bedürfnisse sorgen. Und seine Gefühle signalisieren ihm seine Bedürfnisse.

Jeder Mensch benötigt zu seiner gesunden Entwicklung die Erfüllung folgender zentraler emotionaler Grundbedürfnisse:

  1. Sichere Bindungen zu anderen Menschen (schließt Sicherheit, Stabilität, nährende Zuwendung und Akzeptiert-Werden ein)
  2. Autonomie, Kompetenz und Identitätsgefühl
  3. Freiheit, berechtigte Bedürfnisse und Gefühle auszudrücken
  4. Spontaneität und Spiel
  5. Realistische Grenzen setzen und selbst die Kontrolle innehaben

Diese Bedürfnisse sind universell. Jeder Mensch hat sie und bei einigen sind sie stärker ausgeprägt als bei anderen. Ein psychisch gesunder Mensch ist in der Lage, sich diese zentralen emotionalen Bedürfnisse auf konstruktive Weise zu erfüllen.

Wenn aber nun in der Entwicklung eines Menschen etwas schief gelaufen ist und er nur unzureichend gelernt hat, sich eines oder mehrere dieser Grundbedürfnisse auf gesunde Art zu erfüllen, dann wird ihn dies kränken und möglicher Weise wird die immer wieder erlebte Kränkung so tief, dass sie sich zur Depression verdichtet. Oder es treten belastende Situationen im Lebensverlauf ein, in denen die Fähigkeit gebraucht wird, sich ein zentrales emotionales Grundbedürfnis erfüllen zu können und plötzlich wird deutlich, dass diese Fähigkeit nicht oder unzureichend entwickelt wurde (siehe Beispiele im nächsten Abschnitt).
Auch hier wird wieder klar, warum ich in der Depression eher eine zusammengeballte extreme Symptomatik sehe, ein Syndrom, das so schwerwiegend ist, dass man es als „psychische Störung” (früher: „psychische Krankheit”) definiert hat. Um Depression „heilen” zu können, muss nach der Behebung der depressiven Symptomatik unbedingt die eigentliche Ursache bearbeitet werden, um Rückfälle zu vermeiden!

5.) Beispiele für einige typische Auslöser, die in die Depression führen können

Die Komplexität und die Anforderungen unseres Lebens fordern es geradezu heraus, dass Situationen eintreten, in denen die zu wenig entwickelten menschlichen Potenziale und Fähigkeiten gefragt sind. Und das führt in eine Überforderungssituation, weil nicht gelernt wurde, mit der Lebenssituation passend umzugehen. Beispiele dafür: 

z.B. Überforderung durch Erschütterungen  (Schicksalsschläge, Verluste usw.)
Oft sind die Betroffenen mit der Bewältigung von Erschütterungen überfordert. Zu der Wut, der Trauer und dem Schmerz des Schicksalschlags oder eines Verlustes kommt die Anforderung, diese innerlich verarbeiten und bewältigen zu können.

  • Wegen der ursächlich vorhandenen Schwäche (siehe oben) ist die Verarbeitung und Bewältigung nicht möglich und es tritt Überforderung und Überforderungsstress ein.
  • In der Überforderung nehmen sich die Menschen als unfähig, schwach und unzulänglich wahr. Diese Wahrnehmung widerspricht ihrer (Ideal-)Vorstellung von sich selbst. Wegen der empfundenen eigenen Unzulänglichkeit entstehen Schamgefühle und die drücken ebenfalls auf den Selbstwert. Scham kann hier als eine Form des Selbtshasses angesehen werden, denn man schämt sich für den „unzulänglichen” Anteil seiner Persönlichkeit.
  • Es stellt sich eine bedrückte, traurige Stimmung ein, aus der heraus negative Bewertungen der eigenen Fähigkeiten, der eigenen Person, der Umgebungsbedingungen, der eigenen Möglichkeiten und Zukunftsaussichten erfolgen.
  • Aufgrund des beschädigten Selbstwerts „gönnen” sich die Betroffenen oft nichts Gutes mehr, denn es scheint ihnen, sie hätten es sich nicht verdient. Zudem neigen die Betroffenen oft auch dazu, sich für ihre Unzulänglichkeit, ihre Schwächen bestrafen zu müssen und beginnen, sich selbst zu hassen.
  • Schließlich beschäftigt sich der Betroffene fast nur noch mit einem Denken in solch bedrückenden Kategorien und gerät damit immer schneller in die Abwärtsspirale der Depression.
  • Durch die Fokussierung auf die Bedrückung, das Einschränkende, Angstmachende und Bedrohliche und Negative geht der Sinn für die erfreulichen Dinge des Leben verloren. Und weil Gefühle nur noch als Schmerz und Leid erlebt werden, möchte sie der Depressive übergehen. Er unterdrückt sie.
  • Weiter abwärts in der Depressions-Spirale empfindet der Betroffene seine Situation als unerträglich qualvoll an, will ihr unbedingt entrinnen, grübelt ständig über Möglichkeiten, seine Situation zu verbessern und sieht schließlich für sich nur noch den Tod als einzige Möglichkeit, die Quälerei zu beenden und zu entkommen.
  • Hier wird auch deutlich, dass es grundsätzlich nicht um die Beendigung des eigenen Lebens geht, sondern um das Entkommen-Können aus der qualvollen Situation, um die Qualen zu beenden.

z.B. Überforderung durch eigene innere Erwartungshaltung, Einstellung, Verhaltensweise, Lebensziele
Viele Menschen stellen zu hohe Anforderungen an sich selbst, an die eigene Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit und vernachlässigen darüber die Erfüllung wichtiger Grundbedürfnisse, die zu einem gesunden erfüllten Leben dazu gehören. Dabei bringen die Betroffenen oft sehr vernünftig und überzeugend klingenden Gründe für ihre selbst-unterdrückende Verhaltensweise vor:

  • Sie „müssen” unbedingt das Einser-Examen schaffen, damit Ihrem beruflichen Erfolg nichts im Weg steht. Oder Sie unterordnen die Erfüllung Ihrer Bedürfnisse dem materiellen Wohlstand und versuchen, immer mehr Geld zu verdienen.
  • Sie „müssen” einen kranken Angehörigen intensiv und über einen nicht absehbar langen Zeitraum hinweg pflegen oder für die drei Kinder nebst Haushalt plus Nebenjob da sein.
  • Sie sind in einem Heil- oder Pflegeberuf tätig und opfern sich bei falsch verstandener Hilfsbereitschaft mit extremer Überstundenzahl auf. (= Helfersyndrom -> siehe Buchtipp hier)
  • Sie sind der Haupt-Verdiener der Familie und engagieren sich extrem stark im Beruf, um einen eventuellen Verlust des Arbeitsplatzes „sicherer” vermeiden zu können.
  • Sie sind Unternehmer und wollen „nur noch diese eine harte Durststrecke” durchstehen, um dann so richtig leben zu können — aber leider dauert die Durststrecke an und nimmt kein Ende. Oder sie kämpfen um den Erhalt des traditionsreichen Familienbetriebs, des Familienbesitz bis zum Letzten.
  • Sie sind in einem Alter, wo der Körper nachlässt und sie wollen sich nicht mit den Veränderungen abfinden, die nicht aufgehalten werden können und zum Leben nun mal dazu gehören.

    Die eigentliche Überforderung beginnt an dem Punkt, wo die Betroffenen glauben, so handeln zu müssen, wie sie es tun, weil sie doch »keine andere Wahl« hätten. Zuweilen besteht »die andere Wahl« darin, den Anspruch aufzugeben, dass das Leben sich auf genau die Weise gestalten ließe, die man sich in den Kopf gesetzt hat. Alte Indianerweisheit: »Wenn dein Pferd tot ist, steig ab!«
    Oder »die andere Wahl« besteht darin, Dinge hinzunehmen, die man nicht ändern kann, weil sie vielleicht gar nicht in der eigenen Macht liegen. (siehe auch Gelassenheitsspruch, hier)

    Es liegt jedoch in unserer krankhaft narzisstisch geprägten Kultur und Gesellschaftsnorm begründet, dass wir gerne alles können möchten, was wir wollen und dass wir alles unter Kontrolle haben möchten und uns mächtig fühlen wollen — am besten so wie Gott persönlich. Das Streben nach immer mehr Leistung, das Überbewerten des Bereichs „Arbeit”, das Vernachlässigen der menschlichen Werte, der Gefühle und der Erfüllung unserer echten Grundbedürfnisse fördern die Überforderung, den BurnOut, die Depression. (siehe auch meinen Fach-Beitrag hier oder meinen Vortrag hier.)

    z.B. durch Misserfolg bringende (dysfunktionale) Verhaltensweisen und Sucht
    Manche Menschen haben z.B. aufgrund einer belastenden Kindheit nicht gelernt, ihre Gefühle wahrzunehmen und ihnen zu folgen. Gefühle sind die Sprache der Seele und mahnen die Erfüllung von Grundbedürfnissen an. Statt für sich selbst und die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse zu sorgen, haben sie Ersatz-Handlungsweisen entwickelt, um etwas zu bekommen, das sich so ähnlich anfühlt, wie die Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Und natürlich konnte so keine echte Befriedigung erlebt werden. Das Leid, nicht das zu bekommen, wonach man sich zutiefst sehnt, blieb und fraß sich als Kummer immer tiefer in die Seele.

    Und es gibt Menschen, die haben in ihrer Kindheit aus der Not heraus bestimmte Verhaltensweisen zu ihrem Schutz entwickelt, die sie als Erwachsener aufgrund der veränderten Lebenssituation eigentlich nicht mehr bräuchten. Oft behalten diese Menschen ihre aus Not entwickelten Verhaltensweisen auch im Erwachsenenalter bei, denn sie haben sie so stark verinnerlicht, dass sie sie gar nicht mehr bemerken und sich keine Alternative zu ihrer Verhaltensweise vorstellen können.

    Meist führen diese Verhaltensweisen zur Selbstschädigung und zur Beziehungsschädigung. Deshalb bezeichnet man ein solches Verhalten auch als »dysfunktionale Verhaltensweise«.
    Weil keine natürliche, gesunde und funktionierende Verhaltensweise erlernt wurde, wird der Mensch die einzige ihm bekannte Verhaltensweise immer öfter oder immer stärker und massiver einsetzen, um sein natürliches Verlangen nach Befriedigung seines Bedürfnisses zu stillen (ähnlich wie bei Sucht-Erkrankungen — Motto: „mehr davon, vielleicht hilft's ja dann endlich!”).

    Sucht ist meist ebenfalls als eine nicht funktionierende Bewältigungsstrategie entstanden, z.B. weil belastende Erlebnisse nicht verarbeitet werden konnten. Und sie konnten nicht verarbeitet werden, weil die dazu nötige Erwartungshaltung, innere Einstellung oder Verhaltensweise nicht vorhanden war und nicht erlernt wurde (siehe oben). Sucht ist demnach ebenfalls nur eine Variante einer »dysfunktionalen Verhaltensweise«.
    Zugleich ist Sucht ein schambehaftetes Verhalten. Der Betroffene schämt sich für sein Verhalten, denn Sucht geht mit Kontroll- und Autonomieverlust einher und bestätigt die eigene Unzulänglichkeit. Hier schämt sich der Süchtige sich selbst gegenüber. — Zudem ist Sucht gesellschaftlich nicht akzeptiert und führt in die soziale Ächtung und Isolation. Hier schämt sich der Süchtige anderen gegenüber.
    Scham ist ein extrem starkes Gefühl, das direkt den Selbstwert beschädigt. Zu alledem verurteilt sich der Betroffene selbst für seine Sucht und neigt zu Selbstbestrafung und Selbsthass.

    Aus den vorstehenden Grundmustern heraus entsteht Traurigkeit darüber, dass das Verlangen nach einem reichen Gefühlsleben und der Erfüllung der Bedürfnisse unbefriedigt bleibt. Das wiederum führt meist zu der Ansicht, selbst unzulänglich oder fehlerhaft zu sein, sodass der Selbstwert sinkt. Hier setzt dann die Abwärtsspirale ein, die ich bereits oben unter »Depressions-Ursachen« beschrieben habe.

    Typische Denkmuster von Betroffenen mit dysfunktionelen Verhaltensmustern sind z.B.:

    • Sie glauben, sie müssten durch überdurchschnittliche Leistungen ihren Wert als Mensch anderen Menschen gegenüber beweisen.
    • Sie glauben, dass sie nur dann Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung, Liebe erhalten, wenn sie sich diese zuvor durch überragende Leistungen „verdient” haben.
    • Sie glauben, dass man an sich selbst zuletzt denken müsse und es sich nicht gehöre, erst für sich selbst und die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse zu sorgen.
    • Sie erwarten, dass sie von anderen Menschen meist nur entwertet, kritisiert und betrogen werden und glauben dann, nur mit Perfektionismus der vernichtenden und entwertenden Kritik anderer entgehen können.
    • Sie glauben, sie dürften sich nicht zu tief und nah an einen Partner binden, weil die Angst vor dem Verlustschmerz zu groß ist, falls es zu einer Trennung kommt.

    (mehr über Depression und Hilfe dazu im Buchtipp, hier und hier)

    Nicht-Erfüllung der Grundbedürfnisse = Unterdrückung = Depression

    Die in den vorstehenden Überforderungs-Beispielen genannten persönlichen Schwächen haben gemeinsam, dass sie beim Betroffenen verhindern, dass er sich seine Bedürfnisse auf gesunde Weise erfüllt. Die Nichterfüllung von Bedürfnissen ist gleichbedeutend mit deren Unterdrückung (=Depression). Ziel der Therapie ist,

    • dass der Betroffene begreift, mit welchen inneren Einstellungen und Verhaltensweisen er sich die Erfüllung seiner Grundbedürfnisse verhindert hat, wie diese Einstellungen und Verhaltensweisen zustande gekommen sind und warum diese zerstörerisch wirken.
      Zugleich muss der Betroffene neue, gesunde Verhaltensweisen erlernen.
    • dass der Betroffene begreift, dass er ein Recht darauf hat, sich seine Grundbedürfnisse zu befriedigen und er sich bewusst die Erlaubnis zu deren Befriedigung gibt.
    • dass der Betroffene begreift, dass seine Gefühle ihn auf seine Bedürfnisse hinweisen, er also seiner Bedürfnisse nur bewusst werden kann, wenn er sich seiner Gefühle bewusst ist.
    • dass er schließlich sieht, das er sehr wohl eine Wahl hat und dass er sich die »Freiheit der Wahl« durch eine gründliche Therapie selbst erschließen kann und dass er zu diesen Veränderungen sehr wohl die Kraft hat.

    6.) mögliche Schritte gegen die Depression

    Gegen Depression und depressive Stimmung anzuwirken, erfordert je nach Schwere ein komplexes Bündel an therapeutischen Maßnahmen, das individuell abgestimmt sein muss. Hier eine beispielhafte Aufzählung wichtiger Maßnahmen und Schritte.

    Eine Beruhigung und Stabilisierung kann z.B. erfolgen:

    • durch Erlernen, die Schwere der aktuellen Beeinträchtigung und die damit verbundenen Einschränkungen zunächst einmal zu akzeptieren und ernst zu nehmen, statt sich wegen der Einschränkungen und Beeinträchtigungen zusätzlich abzuwerten und zu kritisieren. Den aktuellen Zustand annehmen lernen, um eine Entspannung zu ermöglichen.
    • durch ein einfühlsames, freundschaftlich-wohlwollendes Angenommensein von einer therapeutischen Gruppe, vom Therapeuten oder in einer Klinik mit Therapeutischer Gemeinschaft (diese Gemeinschaft besteht als ein großes Team aus Therapeuten, Pflegern und Mitpatienten).
    • durch eine hohe Disziplin, was die Struktur des Tagesablauf betrifft, um den Tag-/Nacht-Rhytmus sowie den natürlichen Schlaf wieder zu gewinnen, aber auch, um wieder in die Aktivität hinein zu kommen.
    • durch täglichen Frühsport draußen in der Natur und bei jedem (!) Wetter, möglichst bereits ab 6:30 Uhr (oder früher) für mindestens 45 Minuten, ebenfalls um wieder in die Aktivität hinein zu kommen, aber auch, um den Körper nach der übermäßigen Passivität wieder zu stabilisieren.
    • durch zeitlich fest geregelte und ausgewogene Mahlzeiten, die in der nötigen Ruhe genossen werden.
    • durch Psycho-Edukation, in der zunächst erklärt wird, wie Depression „funktioniert”. Bereits durch dieses Verständnis wird der Leidensdruck gemildert, Einsicht gewonnen und die Bereitschaft gesteigert, sich selbst zu verzeihen.
    • durch das Erlernen und regelmäßige Anwenden stabilisierender und beruhigender Übungen und Techniken (z.B. Imaginationen, Praxis der Achtsamkeit usw.)

    In der Therapie können zum Beispiel folgende Schritte unternommen werden:

    • Beschäftigung mit der eigenen Situation und der depressiven Problematik, indem therapeutische Arbeits-Verträge erarbeitet und abgeschlossen werden.
    • durch Förderung der Einsicht, dass der Patient mit sich selbst schlecht umgegangen ist und dass es natürlich ist, liebevoll und sorgsam mit sich selbst umzugehen. Z.B. statt Selbstbestrafung und Selbstabwertung sich selbst etwas erlauben, sich etwas Gutes gönnen und sich belohnen.
    • durch Förderung der inneren Einstellung, dass es am besten ist, sich selbst zu lieben! Denn erst dann können einen die anderen gerne haben! (= Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!)
    • durch ICH-Stärkung und Korrektur des Selbstwerts, in dem sich der Patient bewusst wird, welche Stärken und Potenziale er hat und dass er sehr wohl die Wahl hat, sich konstruktiv zu verhalten, Verantwortung zu übernehmen und seine Stärken konstruktiv einzusetzen.
    • durch Erlernen der Technik der Realitätsprüfung: Ist wirklich alles so schlimm und ausweglos, sind die anderen wirklich so ablehnend oder sehe ich es nur so?
    • durch Erlernen der kognitiven Therapie, durch die der Patient negative Gedanken und Verhaltensmuster erkennen, stoppen und durch positive, stärkende Gedanken und Muster ersetzen kann.
    • durch das Erlernen, sich abgrenzen zu können und nicht alles, was geschieht, als gegen die eigene Person gerichtet zu verstehen und so wieder differenzieren zu können.
    • durch Vertragsarbeit: Welche inneren Einstellungen, Erwartungshaltungen und Verhaltensweisen fördern das Negative und Zerstörerische? Was geht dem Zerstörerischen voraus und wie erkenne ich das? Welche Folgen hat mein Verhalten für mich selbst und für die anderen?
    • durch systematisches Ersetzen schädlicher Verhaltensweisen durch solche, die die Bedürfnisse wirklich befriedigen. Auch hierzu kann Vertragsarbeit eingesetzt werden.
    • durch Üben und Erproben der neuen Fähigkeiten im Alltag und durch Erfahrungsaustausch über die neuen Erfahrungen in der Therapie, in der Gruppe mit anderen.

    Wenn die Depression behoben ist, benötigt der Patient noch eine längere Phase, in der er das Gelernte in seinen Alltag zu integrieren beginnt. Im Bereich bis hier hin findet Verhaltenstherapie statt.
    Erst wenn eine genügende Stabilität und psychische Belastbarkeit erreicht ist, kann es zur ursächlichen Therapie gehen: Es müssen die eigentlichen grundsätzlichen Ursachen bearbeitet werden, die den Betroffenen in die Depression geführt haben. In diesem Bereich wird meist mit tiefenpsychologisch fundierter Therapie gearbeitet.
    Beide Therapie-Verfahren und einige weitere Verfahren wurden mit ihren wichtigsten Teilen bis ca. 2005 in der neu entwickelten Schematherapie zusammen gefasst, sodass hiermit gerade bei der nachhaltigen Bearbeitung von Depressionen endlich ein durchgängiges Verfahren zur Verfügung steht. Die Therapiemethoden und Vorgehensweisen bleiben in beiden Bereichen gleich und gehen nahtlos ineinander über!

    7.) Hilfe in Selbsthifegruppen

    Wenn die Betroffenen noch nicht zu tief in der depressiven Abwärtsspirale stecken, kann die Teilnahme an Selbsthilfegruppen hilfreich sein. Positiv ist bereits, dass Betroffene erleben, dass sie nicht allein mit ihrem Problem sind.
    Ich finde es außerordentlich wichtig, dass in diesen Gruppen immer auch genügend viele Menschen mitmachen, die ihre Depression überwunden haben und von ihren positiven Erfahrungen, ihren neuen Erwartungshaltungen, Einstellungen und Verhaltensweisen im Sinne eines Erfahrungsaustauschs berichten (nicht jedoch als „Ratgeber” und Besserwisser!). — Falls solche Menschen in den Gruppen fehlen, sehe ich die Teilnahme an solch einer Gruppe eher kritisch, weil die Gruppenstunde dann leicht zu einer „Jammer-Runde” werden kann, die mehr belastet als hilft.

    Extrem wichtig ist, dass in diesen Gruppen klare Gruppenregeln gelten, die auch strikt von allen Teilnehmern eingehalten werden müssen. Die gesSso-Gruppenregeln können hier als Vorlage und Maßstab dienen, denn sie sind sowohl im Selbsthilfe-Bereich als auch im professionellen therapeutischen Bereich jahrzehntelang erprobt.
    Pünktlichkeit der Teilnehmer zum Gruppenbeginn ist ebenfalls wichtig, sowie eine Zusage der Teilnehmer, möglichst an jeder Gruppe teilzunehmen und schließlich eine geringe Fluktuation der Teilnehmer, damit sich ein vertrauter Rahmen, eine schützende Atmosphäre bildet. Beides lässt sich aber im Rahmen üblicher Selbsthilfe-Gruppen kaum einfordern oder durchsetzen.

    8.) Hilfe bei gesSso

    gesSso habe ich gegründet, weil ich eine selbsthilfegruppen-ähnliche Gruppenarbeit anbieten will, die aber viel effizienter ist und vor Allem wesentlich mehr Sicherheit bietet, als bei konventionellen Selbsthilfegruppen. Der Haupt-Unterschied ist die Vermittlung von Wissen, Verfahren und Methoden. gesSso-Gruppen haben wegen der deutlich höheren Arbeits-Intensität immer eine erfahrene Leitung.

    Zur Bearbeitung von bedrückenden Lebenssituationen, Stress, BurnOut und traurigen Verstimmungszuständen habe ich speziell den Kurs »Schutz vor Überlastung, BurnOut, Depression« entwickelt. Die Teilnahme empfiehlt sich besonders

    • im Sinne einer gesundheitlichen Vorsorge.
    • im Sinne einer Psycho-Edukation (Vermittlung von Wissen und Methoden / Verfahren)
    • im Sinne einer Selbsthilfegruppe mit qualifizierter Leitung
    • nach Entlassung aus einer Klinik und Therapie-Ende, um die neu gewonnenen Erkenntnisse im Alltag besser umsetzen zu können.

    Wer dagegen nur heraus finden will, wie er mit bedrückenden Alltagssituationen besser umgehen will, für den ist der »Workshop A« oder die »Männergruppe« besonders geeignet.

    9.) Hilfe in ambulanter Therapie

    Leider besteht im psychotherapeutischen Gesundheitswesen in Deutschland (nicht nur) meiner Erfahrung nach erhebliches Verbesserungs-Potenzial. Es gibt zu wenige Psychotherapeuten und viel zu wenige, die eine kassenärztliche Zulassung haben. Die Wartezeiten liegen in Ballungszentren bei 1/2 bis 1 Jahr, im ländlichen Raum zuweilen noch darüber!

    Ein von Depression Betroffener kann sich von seinem Hausarzt direkt eine Überweisung zu einem Psychotherapeuten ausstellen lassen, sofern der Hausarzt nicht Hinweise dafür gefunden hat, dass die Depression Folge einer körperlichen Erkrankung oder Störung ist.
    Um diese abzuklären, kann der behandelnde Arzt eine Überweisung zu einem Psychiater und / oder Neurologen ausstellen. Das ist eine ziemliche Hemmschwelle für Patienten, weil »Psychiater« für viele Menschen mit „Verrückt-Sein, Psychiatrie, Zwangseinweisung und Freiheitsverlust” in Verbindung gebracht wird. Der Psychiater hat aber im Zusammenhang mit Depression eigentlich nur die Aufgabe, zu prüfen, ob ein organisches / hirnorganisches Gesundheitsproblem (Nervensystem) besteht oder ein rein psychisches Problem vorliegt.
    Bei rein psychischen Problemen sollte sowohl der Hausarzt als auch der Psychiater eigentlich sofort an einen Psychotherapeuten überweisen, sofern sie nicht selbst eine qualifizierte Psychotherapie anbieten können. Im Folgenden wird allerdings das Versagen unseres Gesundheitssystems sichtbar:
    Erkennt der Hausarzt oder Psychiater, dass der Patient eine Depression hat und berücksichtigt zugleich, dass die Wartezeit auf einen ambulanten Therapieplatz bis über ein Jahr dauern kann, dann ist er in Sorge, dass sich während der Wartezeit der Zustand des Patienten so stark verschlimmert, dass dieser eventuell an Selbsttötung denkt und diese auch unternimmt. In diesem Fall steht der Hausarzt oder Psychiater in der Haftung!
    Aus Angst vor dieser Haftung sind Hausärzte und Psychiater immer geneigt, Antidepressiva zu verordnen, um den Patienten so lange „ruhig” zu halten, bis die ambulante Psychotherapie beginnen kann. Die Verordnung von Psychopharmaka in dieser Situation ist also eigentlich auf einen schwerwiegenden Mangel unseres Gesundheitssystems zurück zu führen, der zu Lasten der Betroffenen geht!
    Leider kommt dann oft noch ein Problem hinzu: Der Patient wird durch die Antidepressiva, wenn sie denn überhaupt wirklich wirken, in einen noch gefühlsärmeren Zustand versetzt, glaubt aber andererseits oft, weil er nicht mehr so viel innere Qual spürt, wieder fit für die Arbeit zu sein, zumal bei längerer Krankheit der Verlust des Arbeitsplatz droht. Die dringend nötige Psychotherapie wird womöglich so immer weiter heraus geschoben. Dadurch verfestigt sich aber der depressive Wirkungsmechanismus und wird immer schwerer therapierbar.
    Zuweilen verschlimmert sich die Depression gerade durch die Einnahme von Antidepressiva, weil diese zahlreiche Nebenwirkungen haben. Denn diese führen oft dazu, dass der Betroffene sich zusätzlich als unzulänglich und minderwertig empfindet (z.B. Gewichtszunahme oder Verlust der Libido / Potenz).

    Hat der Betroffene endlich einen Therapeuten gefunden, so bietet er bis zu fünf „Versuchs-Stunden” (approbatorische Stunden) an, die noch nicht als Therapiebeginn zählen. Hier geht es darum herauszufinden, ob man sich menschlich und im therapeutischen Vorgehen miteinander versteht. Wenn nicht, kann der Patient einen anderen Therapeuten suchen und ist dem ersten Therapeuten nichts schuldig.

    Therapieverfahren

    Es gibt in Deutschland leider nur drei von den Gesetzlichen Krankenkassen anerkannte psychotherapeutische Verfahren (andere Verfahren werden nicht bezahlt): die psychoanalytischen, die tiefenpsychologisch fundierten und die verhaltenspsychologischen Verfahren. Ein Patient ist in der Regel völlig damit überfordert, zu entscheiden, welches Verfahren für ihn in seiner aktuellen Situation am besten geeignet ist.
    Bei Stressproblemen, Angst, BurnOut und Depressionen ist Verhaltenstherapie zunächst die richtige Wahl. Um die tiefer liegenden Ursachen erkennen, bearbeiten und auflösen zu können, ist tiefenpsychologische Therapie nötig.
    Seit etwa 2003 verbreitet sich auch in Deutschland eine neue Therapiemethode: Sie heißt Schema-Therapie und umfasst sowohl verhaltenstherapeutische als auch tiefenpsychologische Ansätze. Es ist eine besondere Art der Zusammenfassung der besten Elemente aus allen bisher bekannten und erprobten Therapiemethoden mitsamt einer Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie. — Leider gibt es noch nicht so viele Therapeuten, die mit Schematherapie arbeiten. Es lohnt sich aber danach zu fragen, weil Sie mit Ihrer Anfrage dazu anregen, dass immer mehr Therapeuten mit Schematherapie arbeiten.

    Listen mit Psychotherapeuten für gesetzlich Krankenversicherte erhält man auf Nachfrage z.B. bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Leider wird Schematherapie hier nicht gesondert aufgeführt, sondern sie fällt mit unter den Begriff „Verhaltenstherapie”.

    10.) stationäre Therapie

    Oft schrecken Patienten vor der stationären Therapie in einer psychosomatischen Klinik zurück. Manche verwechseln eine solche Klinik mit der Psychiatrie und glauben, sie verlieren ihre Selbstbestimmung oder Freiheit oder würden „zwangsbehandelt”. Tatsächlich bleiben Sie jedoch in psychosomatischen Kliniken immer Herr über sich selbst, bestimmen über Ihre Behandlung selbst und können jederzeit den Aufenthalt abbrechen.
    Auch befürchten Patienten oft das Herausreißen aus dem Alltag, weil ihnen dann die Kontrolle über die Dinge zu Hause fehlt oder weil sie den Arbeitsplatzverlust befürchten. Dabei übersehen sie, dass die Klinik eine für den Heilungserfolg absolut notwendige, wohltuende Schutzhülle bietet, einen abgeschirmten Raum, in dem man endlich zur Ruhe und zu sich selbst finden kann.
    Zudem ist der Schaden, den Patienten sich selbst und anderen Menschen zufügen, indem sie eine therapeutische Behandlung immer weiter herauszögern, viel größer, als derjenige, der durch eine „Fehlzeit” durch Aufenthalt in einer Klinik befürchtet wird.

    Da stationäre Therapien relativ teuer sind, achten die Träger (Krankenversicherung, Rentenversicherung) leider äußerst intensiv darauf, so wenig wie möglich zu bewilligen und die Aufenthaltszeit in einer Klinik möglichst kurz zu halten. Leider braucht eine seriöse, effiziente Therapie ihre Zeit und jeder Patient braucht individuell passend zu seiner Problematik seine Bearbeitungszeit. Daher ist es wichtig, dass Sie sich als Patient bereits vor Bewilligung Ihres Antrags für einen Klinkaufenthalt im Internet informieren.
    Für mich war damals die Klinik-Empfehlung meines Psychotherapeuten wichtig, was die therapeutische Ausrichtung der Klinik betrifft. Unter den dann verbleibenden ca. 5 Kliniken habe ich ausgewählt, indem ich deren Internet-Präsentationen sorgfältig studierte. Es gab welche, die versuchten, wortgewaltig zu beeindrucken ohne Wesentliches auszusagen und es gab ganz wenige, die wirklich fundierte Informationen über das Behandlungskonzept, den Charakter des Hauses und den Aufenthalt mitteilten. So kam ich damals in die Helios-Klinik Bad Grönenbach — und das war mein Glück!

    Die stationäre Therapie muss über den Hausarzt beantragt werden. Zugleich muss der behandelnde Psychotherapeut und der Hausarzt (oder ein Psychiater) eine Begutachtung schreiben, warum die Behandlung stationär zwingend erforderlich ist. Die Vordrucke zur Antragstellung dazu kann der Patient bei seiner Krankenkasse anfordern.
    Wichtig ist, dass der Patient zusammen mit seinem Psychotherapeuten äußerst sorgfältig prüft, in welcher (psychosomatischen) Klinik die besten Aussichten auf Behandlungserfolg bestehen. Die Antragsformulare für eine stationäre Therapie reicht der Patient dann wieder bei der Kasse ein und die Bewilligung sollte eigentlich schnell erfolgen.
    Liegt die Bewilligung der Kasse vor, heißt das leider noch nicht, dass man jetzt in die Klinik kann. Denn praktisch jede Klinik hat eine Warteliste, die bis zu einem Jahr Wartezeit bringt. Die Therapie für Depressionen selbst dauert meist 4 bis 8 Wochen.

    Nach der Entlassung sieht das Leben meist schon wieder richtig erfreulich aus. Die Erleichterung kann so groß sein, dass ein überschwenglich euphorischer Zustand eintritt, in dem man sich und seine Belastbarkeit überschätzt: All zu gerne möchte der Betroffene seiner Umgebung signalisieren oder sogar „beweisen”, wie fit er jetzt wieder ist und wie leistungsfähig(!!!). Wer da nicht auf sich selbst gut aufpasst und die neu gewonnenen Erkenntnisse strikt anwendet und im Alltag umsetzt, kann wieder in Überlastung und Depression verfallen. Denn er überfordert sich mit dieser euphorischen Haltung und bereitet so seine nächsten Misserfolge selbst vor!

    Es geht also darum, möglichst mit Hilfe eines ambulanten Therapeuten (oder einer Selbsthilfegruppe oder in einem der gesSso-Angebote) die neu gewonnenen Erkenntnisse anzuwenden und auch im rauen Alltag umzusetzen, ohne sich selbst aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit „Ausnahmen” zu gestatten.
    Erst wenn der Patient auch hier eine zuverlässige Stabilität erreicht hat, kann das grundlegende Problem, das zur Depression führte, bearbeitet werden. Der Psychotherapeut muss entscheiden, ob diese Bearbeitung in ambulanter Therapie erfolgen kann und welches therapeutische Verfahren sinnvoll ist.
    Falls das zugrunde liegende Problem derart gravierend ist, dass es ambulant schlecht bearbeitet werden kann, muss eine „medizinische Reha-Maßnahme” bei der Rentenversicherung beantragt werden. Der Patient fordert dazu die nötigen Formulare bei der Rentenversicherung Bund an. Dann muss der Psychotherapeut wieder ein Gutachten schreiben, aus dem hervorgeht, dass eine tiefer gehende Therapie erforderlich und der Heilerfolg ambulant nicht erreichbar ist.

    Nach meiner Erfahrung hat die Deutsche Rentenversicherung Bund die längsten Bearbeitungszeiten. Bis zu 8 Wochen können vergehen ehe überhaupt eine Antwort kommt. Oft wird der Antrag mit dubiosen Begründungen abgelehnt. Dann muss man ins Widerspruchsverfahren gehen. Zuweilen verlangt die Rentenversicherung eine zusätzliche Begutachtung. 
    Wichtig ist auch, dass man (wenn die Rentenversicherung die Maßnahme trägt) die freie Wahl der Klinik hat. Denn ich habe oft gesehen, dass die Rentenversicherung aus unerfindlichen Gründen eine Klinik zuweist, in die man nicht will oder die sogar völlig unpassend für die anstehende Problematik ist.
    Die Dauer der Behandlung in der Reha-Maßnahme ist abhängig von der Problematik und dauert entweder nur 4 Wochen, kann aber auch 12 Wochen und mehr betragen. Durch zusätzliche Gutachten der Klinik kann aber verlängert werden.

    11.) Die Zustände im Gesundheitssystem — eine Gelassenheits-Übung…

    Unser Gesundheitssystem mutet einem von Depression Betroffenen zu, der aufgrund seiner Erkrankung kaum belastbar ist, ein hohes Maß an Eigeninitiative und Durchsetzungskraft aufzubringen, einen erheblichen Papierkrieg zu bewältigen und lange Wartezeiten hindurch auszuhalten — alles Dinge, die gerade ein von Depression Betroffener aufgrund seiner Erkrankung eben meist nicht erledigen kann. Hier sollte unbedingt der begleitende Therapeut oder Arzt Hilfestellung geben!

    Das, was im Umgang mit diesen Zuständen hilft, ist die Kunst der Gelassenheit. Diese ist im Gelassenheitsspruch hier wunderbar auf den Punkt gebracht. Zudem gilt es, sich der eigenen Gefühle bewusst zu werden, weil dies die Boten sind, die auf die Bedürfnisse aufmerksam machen. Ich habe seinerzeit in der Klinik den Merksatz gelernt:

    »Ich gehe achtsam und liebevoll mit mir um: Ich sorge für mich selbst und für die Erfüllung meiner Bedürfnisse.«

    Ihnen wünsche Ich eine gute Zeit. Lassen Sie es sich gut gehen! Vielleicht sehen wir uns bei gesSso?