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    Samuel Butler

Am Anfang war Erziehung

Aktualisiert (01. Juli 2011)

von Alice Miller

Taschenbuch: 322 Seiten; Verlag: Suhrkamp; Auflage: Neuauflage. (7. April 2008);
ISBN-13: 978-3518374511; 10 EUR
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am-anfang-war-erziehungKurzbeschreibung: Alice Miller unternimmt mit »Am Anfang war Erziehung« den Versuch, die Öffentlichkeit für frühkindliches Leiden zu sensibilisieren. Die Psychoanalytikerin wurde dadurch zur Aktivistin für eine Kindheit ohne Gewalt.
»Am Anfang war Erziehung« ist die öffentliche Antwort der Autorin auf die zahlreichen Leserbriefe, die sie zu ihrem ersten Buch »Das Drama des begabten Kindes« (1979) erreichten. Miller hoffte, durch das neue, ausführlichere Buch einen Teil der Fragen beantworten zu können, die ihr von Kollegen und von Betroffenen gestellt wurden.

Meine Meinung: Während die von mir empfohlenen Bücher zur Emotionalen Kompetenz nach Claude Steiner dem Leser vermitteln, was man tun kann, um Beziehungen konstruktiv und erfreulich zu gestalten und Kinder gesund aufwachsen zu lassen, geht es hier darum, die zerstörerischen Wirkungsmechanismen einer rigiden und unterdrückerischen Erziehung mit dem Tiefgang, der Schärfe und der Klarheit einer Psychoanalytikerin aufzuzeigen.
Ich hatte mir das Buch gekauft, um meine eigenen in der Kindheit erlittenen Misshandlungen besser verstehen zu können und um nachzusehen, inwiefern diese Kindheitserlebnisse auch heute noch mein Verhalten, meine Erwartungshaltung und meine Wahrnehmung beeinträchtigen.

Als ich das Buch zum ersten Mal las, reagierte ich wie viele Leser der Bücher von Alice Miller: Ich konnte mir selbst gegenüber zwar zugeben, dass ich als Kind in einer eiskalten emotionalen Wüste aufwuchs und sowohl durch massive körperliche aber zusätzlich auch durch vernichtend wirkende und ständig wiederholte Äußerungen meiner Eltern eine unglückliche Kindheit hatte. Dass Alice Miller aber von Folter an Kindern spricht und meint, dass man sich erst dann erlösen kann, wenn man die unglaubliche Wut und die extreme Traurigkeit aus der Kindheit im Heute nachspürt und ihr Raum für ein nicht-destruktives Ausagieren gibt, das empfand ich als übetrieben sensibel.

Hatten nicht meine eigenen Kinder damals unter meiner eigenen verbalen Strenge und Rigidität sowie meiner emotionalen Kälte leiden müssen? Und hatte ich mein Verhalten nicht damals oft mit der Bemerkung verhamlost und gerechtfertigt, dass Kinder Grenzen gesetzt bekommen müssen und ich im Zweifel ihnen gegenüber mit Härte die Vorgaben durchsetzen müsste?

Ich erkannte, wie die in der Kindheit erlittenen Prägungen meinen Alltag beeinflussten, ohne dass ich dies wollte oder hätte dagegen steuern können. Erst jetzt verstehe ich, dass Alice Miller in keinem einzigen Punkt übertreibt, wenn sie über die massiven Schäden schreibt, die eine rigide und die Kinder missbrauchende Erziehung verursacht.

Und dann spürte ich erneut eine Ablehnung gegenüber den Aussagen von Alice Miller, denn ich wollte mich selbst nicht als Opfer sehen. Ich schämte mich für das, was mir damals angetan worden ist! Ich schämte mich, statt dass sich meine Eltern und meine Lehrer schämten, denn sie waren doch die Täter! Und genau diesen Vorgang beschreibt Alice Miller ebenfalls! Mit ihrem Buch hat die Autorin dazu beigetragen, dass ich die gesamten Zusammenhänge aus der scharfen Sicht einer Psychoanalytikerin verstehen und nachvollziehen konnte. So erwarb ich mir die Grundlage, die Problematik aus meiner Kindheit und Jugendzeit schnell und gründlich in der Therapie bearbeiten zu können.

In meinen Vorträgen über BurnOut und Depression sowie über psychische Gesundheitsvorsorge wurde ich gefragt, wo man denn mit Veränderungen anfangen müsste, bei der Kindererziehung oder bei sich selbst? Ich antwortete: Bei sich selbst! — Wenn man nicht erkennt, wie die Folgen der von den eigenen Eltern erlittenen Gewalt in der eigenen Kindheit auch die gegenwärtige Lebens- und Beziehungsgestaltung destruktiv beeinflusst, neigt man dazu, den eigenen Kindern das Gleiche anzutun, was man selbst als Kind hat erleiden müssen!

Begeistert hat mich an Alice Millers Buch, dass sie ausführlich darstellt, dass die massenhafte Misshandlung und psychische Verkrüppelung von Kindern dazu führt, dass wir uns in einer von Gewalt verseuchten Gesellschaft wiederfinden. Kinderpornografie, verhungerte / verwahrloste oder ermordete Kinder mitten im reichen Deutschland, die Greultaten der Vergangenheit, von Hitler und anderen Diktatoren, die Gewaltbereitschaft in den Reihen der Polizei, der Bundeswehr, des SEK, die Selbstverständlichkeit, mit der in Guantanamo weiterhin gefoltert wird und im Irak und in Afghanistan anscheinend jede Greueltat möglich ist… — Alice Miller weist in ihrem Buch minutiös genau nach, wie die in der Kindheit erlittene Gewalt und psychische Deformierung später zu Lasten aller Menschen zum Ausbruch kommt und längst eine globale Bedrohung für uns alle darstellt.

Alice Miller starb im Frühjahr 2010. Ich verspüre große Lust, aufgrund meiner eigenen Lebenserfahrungen ein eigenes Buch zu diesem Themenbereich zu schreiben, einfach weil dieses Thema „Wie gehen wir mit unseren Kindern um?” so extrem wichtig ist für die Gegenwart und Zukunft von uns allen.
Inzwischen habe ich in einer neu entwickelten Form der Verhaltenstherapie, der Schematherapie, eine Möglichkeit entdeckt, wie ich Menschen helfen kann, ihre schädigenden Prägungen aus ihrer Kindheit und Jugendzeit zu überwinden und deren Auswirkungen im Heute zu mindern oder zu beheben.